Selbstbestimmung: Wer am Tisch sitzt, entscheidet.
In unserer Gesellschaft gibt es ein seltsames Muster: Wir lassen oft Menschen über Welten entscheiden, in denen sie selbst nie gelebt haben.
- Über das Schulsystem entscheiden Expert:innen, deren eigene Schulzeit Jahrzehnte zurückliegt und die den heutigen Leistungsdruck nur aus Statistiken kennen.
- Über das Leben von Menschen mit Behinderungen entscheiden Sozialarbeiter:innen und Planer:innen, die abends aus ihrem Büro nach Hause gehen, ohne jemals eine Barriere im Alltag gespürt zu haben.
- Über Stadtteile entscheiden Menschen, die dort vielleicht nie einen Kaffee trinken oder ihre Kinder spielen lassen.
Warum fragen wir so selten die Betroffenen? Es herrscht der Irrglaube, dass ein akademischer Titel mehr wert sei als „Erfahrungswissen“. Doch wer jeden Tag mit einer Barriere kämpft, wer jeden Tag im System besteht oder wer seit 30 Jahren in einer Gasse wohnt, ist die eigentliche Instanz.
Das Prinzip: „Nichts über uns ohne uns!“ Echte Selbstbestimmung bedeutet, dass Betroffene nicht nur „gehört“ werden, wenn das Konzept schon fertig ist. Sie müssen von Anfang an die Feder in der Hand halten. Experten sollten Begleiter sein, keine Bestimmer.
Menschen wie Temple Grandin haben gezeigt, dass der größte Fortschritt dort entsteht, wo die eigene Betroffenheit zur Expertise wird. Wir brauchen mehr davon: Mehr Mut zur eigenen Stimme und weniger blindes Vertrauen in ferne Gremien.
„Ich bin ein Fan-Girl von Temple Grandin – und hier ist der Grund warum.“
Es gibt Expert:innen, die aus Büchern lernen, und es gibt Menschen wie Temple Grandin. Sie ist Autistin, sie denkt in Bildern und sie hat die Tierhaltung revolutioniert – nicht obwohl, sondern weil sie die Welt anders wahrnimmt als die sogenannten „Normalen“.
Ich gebe es zu: Ich bin ein Fan-Girl von solchen Biografien. Warum? Weil sie beweisen, dass die besten Lösungen von denen kommen, die das System am eigenen Leib spüren.
Das Problem ist: Wir haben zu viele Planer und zu wenige Betroffene am Tisch.
Selbstbestimmung heißt: Die Feder in der Hand haben. Temple Grandin hat nicht gewartet, bis man ihr erklärt, wie man mit Tieren umgeht. Sie hat ihre eigene Wahrnehmung ernst genommen. Wir müssen aufhören, Betroffene nur als „Patient:innen“, „Klient:innen“ oder „Schüler:innen“ zu verwalten. Sie sind die eigentlichen Expert:innen für ihr Leben.

